“Tod dem Diktator!” – dieser und ähnliche Sprüche werden von Tausende in Teherans Straßen gebrüllt. Sie sind die Anhänger des unterlegenen Mir-Hossein Moussavi, dem Herausforderer für das iranische Präsidentenamt. Das ist an sich schon eine kleine Revolution. Denn im Iran, der Fest in der Hand der Mullahs ist, sind weder spontane Demonstrationen, noch freie Meinung, und schon gar nicht deren Verbreitung gestattet. Dass das jetzt zusammenkommt und sich so offen gegen Ahmadinejad wendet, nachdem ihm vom Regime die Wahl zugeschanzt wurde, ist erstaunlich. Vor wenigen Wochen noch war das undenkbar.
Doch wie kam es dazu? Es gab vier Kandidaten (alle handverlesen vom Wächterrat des Regimes), von denen Ahmadinejad und Moussavi die besten Chancen eingeräumt wurden. Moussavi selbst genießt vor allem unter jungen Menschen, Frauen und in den Städten hohe Unterstützung – Ahmadinejad vor allem unter Erzkonservativen und auf dem Land. Im Wahlkampf selbst ging es – wenig überraschend – fast gar nicht um das Atomprogramm (alle vier Kandidaten dafür), sondern vor allem um innenpolitische Themen. Doch verglichen mit früher hatten es diesmal viele Iraner einfach satt, wegen ihrem Präsidenten als irre Idioten abgestempelt zu werden. Und dass es der iranischen Wirtschaft erbämlich geht und es zweistellige Inflationsraten gibt, hat Ahmadinejad auch nicht sehr geholfen.
Zugegeben – ein großer Teil der westlichen Aufmerksamkeit hat sich auf Teheran konzentriert, was zu überhöhten Erwartungen geführt hat. Doch selbst in den ländlichen Regionen hatte die Unterstützung für Ahmadinejad nachgelassen. Jeder auch seriöse Beobachter ging von einer Stichwahl zwischen Ahmadinejad und Moussavi aus.
Der Wahlkampf selbst erzeugte unter den Iranern, besonders der Jugend, große Spannung und Begeisterung. Wieder einmal zeigte sich, was für ein Kulturvolk dort immer noch lebt. Trotz jahrzehntelanger Diktatur von den Mullahs, und davor dem Schah.
Doch es kam anders. Die Mullahs hatten bereits entschieden, wer zu gewinnen hatte, und schanzten die Wahl Ahmadinejad zu. Weshalb ich so sicher bin, dass jede Menge Beschiss statt fand? Moussavis Leute hatten keinen Zutritt zur Stimmauszählung, und konnten so auch nicht beobachten, ob auch korrekt gezählt wurde. Zweitens gab es in vielen Wahllokalen nicht genügend Stimmzetteln. Drittens wurden Leute, die schon lange in der Schlange standen, abgewiesen, da die Zeit schon um sei und die Wahllokale jetzt schlössen. Dass die letzten beiden Punkte vor allem in Städten passierten, wo eine ungeheure Wahlbeteiligung Moussavi gute Chancen sicherte, ist kein Zufall. Auch dass das Handynetz ausgerechnet kurz vor der Wahl immer wieder nicht funktionierte, passt dazu – sind es doch vor allem junge, an Technik gewöhnte Menschen, die sich für Moussavi einsetzten. Und dass wegen den Demonstrationen jetzt das Netz von den Mullahs komplett abgedreht wurde, bestätigt diese Theorie. (Übrigens hasse ich es, in Weltverschwörermanier hier einzelne Fakten und Indizien zusammensuchen zu müssen – doch es geht nicht anders, wenn es um den Iran geht. Freie Information steht ja nicht zu Verfügung, da muss man sich mit dem aushelfen, dass man weiß.)
Vor allem aber sind etwa 63% vollkommen absurd. Wären es bloß 53%, oder ein Sieg in der Stichwahl gewesen, wäre es evtl. glaubwürdig. Doch diese 63% sind um so vieles mehr, als jeder auch nur vorstellen konnte, dass es nur noch unglaubwürdig ist. Sie sind die Definition von “übers Ziel hinausschießen”.
Doch wie geht es jetzt weiter? Die Demonstrationen sind die heftigsten seit 1978/1979, wie Al Jazeera berichtet. Moussavi prangert die Fälschung öffentlich als “Farce” an. (Und musste Gerüchten zufolge bereits untertauchen, obwohl er von wilden Demos abriet) Es kommt wohl auch darauf an, wie das Regime damit umgeht. Ein Volk, dass in Armut lebt, und sich von vorne bis hinten betrogen fühlt, könnte ungemütlich werden. Vor nur wenigen Jahrzehnten hat genau dieses Volk schon ein tyrannisches Regime hinweggefegt – trotz unfassbarem Terror durch Militär, Polizei und Folter der Savak (= Geheimpolizei des Schah). Ob es wieder so weit kommt, ist die Frage. Ich hoffe es jedoch.
Für den Westen macht es kaum einen Unterschied. Die Macht liegt im Iran so oder so nicht beim Präsidenten, und die Position zum Atomprogramm ist bei Moussavi die gleiche. Der Ton und das Hirn wären die Unterschiede gewesen. Unsere westlichen Regierungen sollten die Demonstranten trotzdem nach Kräften unterstützen. Nicht militärisch – weder können wir das momentan (dank der militärischen Überdehnung der USA), noch wäre es effektiv (denn wer übernimmt das Land, wenn die Ayatollah-Bagage weg ist?). Aber es gibt bekanntlich andere Mittel und Wege, etwa die Unterstützung der Opposition mit Geld. Die Forderung nach einer Neuauszählung wäre wenigstens ein Anfang.
Folgende bzw Videos behandeln das Thema recht gut:
CNN-Video über Wahlkampf-Ende/erste Auszählungen
CNN-Video über Demonstrationen und Hintergründe
Der Spiegel-Artikel Wahlbetrugs-Vorwürfe und Demonstrationen
Die Presse-Artikel über die Unnötigkeit des Betrugs
Al Jazeera-Artikel über die Unruhen
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